23.05.17ukm/jug

„Den Ohren auch mal eine Pause gönnen“ | VIDEO

Wie viel Alltagslärm vertragen unsere Ohren? Phoniater Dr. Dirk Deuster, leitender Oberarzt aus der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am UKM (Universitätsklinikum Münster), über gesundheitliche Folgen von Lärm, gestiegene Schallbelastungen im Alltag und Tipps zum Schutz der Hörfunktion.

Dr. Dirk Deuster, leitender Oberarzt der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie. (Foto: Studio Wiegel)

Ein Video-Statement von Dr. Dirk Deuster zum Thema "Lärmschutz im Alltag" finden Sie hier.

Warum ist Lärmschutz überhaupt wichtig?
Wir können beim Hören sehr große Bandbreiten wahrnehmen. Aber das Ohr ist erst einmal nur darauf eingestellt, was in der Natur für Bandbreiten entstehen. An den spezifischen Lärm in Industriegesellschaften ist das Ohr nicht angepasst, entsprechend können dauerhaft hohe Schallpegel zu einer Lärmschwerhörigkeit führen. Dieser Gefahr sollten wir uns bewusst sein.  

Welchen Lärmquellen sind wir im Alltag ausgesetzt?
An den Straßenverkehr, an vorbeifahrende Züge haben wir uns gewöhnt. Aus einer gewissen Entfernung, weil einfach die Lautstärke zu gering ist, ist das mit Blick auf eine Lärmschädigung nicht gefährlich. Der Dauerlärm kann für einige natürlich psychisch belastend sein. Zu beachten ist heutzutage vielmehr die Lautstärke, die wir uns selbst ins Ohr „stecken“: Beispielsweise durch MP3-Player. Wenn man durch die Stadt geht, sieht man nur wenige Jugendliche, die nichts im Ohr stecken haben. Hier haben wir es mit einer chronischen Belastung zu tun. Das ist natürlich auch deswegen gefährlich, weil die Umwelt akustisch nicht wahrgenommen wird. Generell ist es durchaus eine hohe tägliche Belastung durch Schallenergie.

Zu welchen gesundheitlichen Schäden führt zu viel Lärm?
Bei einem enorm hohen Pegel in einer sehr kurzen Zeit können Menschen ein Knalltrauma erleiden. Da reicht dann schon eine kurze Beschallung aus: Wenn ich zum Beispiel bei einem Konzert direkt neben der Box sitze, erreichen mich ebenfalls sehr hohe Schallenergien. Jeder merkt selbst, dass man für eine gewisse Zeit danach schlechter hört. Im optimalen Fall erholt sich das nach einer gewissen Zeit. Bei Langzeitschäden dauert das schon mal länger, manchmal erholt sich die Hörfunktion leider auch gar nicht mehr richtig. Zu viel Lärm äußert sich mitunter auch in einer erhöhten Herzfrequenz und höherem Blutdruck, das hat dann viel mit Stress zu tun. Es kann auch ein Tinnitus entstehen. Dieses Ohrgeräusch ist für Betroffene natürlich extrem belastend, das kann auch zu erheblichen psychischen Folgeerscheinungen führen.

Kann man in Zahlen ausdrücken, ab wann Lärm das Ohr schädigt?
Orientierung bieten hier die Richtlinien für den Arbeitsschutz. Ab einer Belas-tung von 85 Dezibel in einem Zeitraum von acht Stunden ist ein Gehörschutz vorgeschrieben. Diese Lautstärke ist relativ schnell erreicht: Der übliche Straßenverkehrslärm verursacht bereits eine solche Belastung, ein MP3-Player genauso. Bei den genannten 85 Dezibel müssen Arbeitgeber laut Arbeitsschutzverordnung ihre Mitarbeiter informieren, Gehörschutz anbieten, Lärmminderungsprogramme anbieten und auch Gehörprüfungen vornehmen.
 
Einige Berufsgruppen erreichen diese Werte sicherlich häufig…

Richtig. Wenn wir uns Orchester anschauen, werden diese Werte bereits regel-mäßig bei den Proben überschritten. Das heißt natürlich nicht, dass alle Musiker von Schwerhörigkeit betroffen sind. Das hängt davon ab, wie dauerhaft Beschallung ist – dies ist beispielsweise bei Arbeiten in Industrieanlagen das Problem. In pädagogischen Berufen ist der Lärm meistens zu niedrig, um eine chronische physische Hörschädigung hervorzurufen. Bei Lehrern oder Erziehern ist es eher so, dass sie Stimmprobleme bekommen können, da sie dauerhaft laut sprechen müssen.

Welche Tipps geben Sie für den alltäglichen Lärmschutz?
Wir unterscheiden zwischen individuellem und räumlichem Lärmschutz. Jeder kann und sollte für sich prüfen, ob Ohrstöpsel für die eigene Tätigkeit sinnvoll wären. Und ich kann natürlich in jeder Situation versuchen, mich von Schallquellen etwas zu entfernen. Es gibt eine Faustregel: Wenn wir mit einer Person in einer Entfernung von einem Meter noch gut sprechen können, ohne die Stimme zu erheben, ist die Lärmbelastung unkritisch. Für den Musikgenuss empfehlen wir die „80/90-Regel“: Musik mit 80% der möglichen Lautstärke meines Abspielgerätes für 90 Minuten hören – spätestens danach sollte ich den Ohren auch mal eine Pause gönnen.

Welche Form von Hörschäden können in der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am UKM behandelt werden?

Die Aufgabe von uns Pädaudiologen ist es, Hörschädigungen frühzeitig zu diagnostizieren, Ursachen abzuklären und Kinder und Jugendliche in ihrer Hör- und Sprachentwicklung zu begleiten. Wir behandeln Hörschäden sehr individuell, die genaue Therapie richtet sich nach der Art der Hörschädigung. Bei Innenohrschädigungen, die die häufigste Form von Lärmschädigungen sind, ist der Normallfall eine Versorgung mit einem Hörgerät. Die Auswahl und die Anpassung der Geräte nehmen wir sehr spezifisch vor. Je nach Ausmaß und Symptomatik einer Hörstörung kann auch die Hinzunahme weiterer technischer Geräte notwendig sein: Wir sind hier am UKM beispielsweise sehr auf die Implantation von Cochlea-Implantaten spezialisiert, die Patienten helfen, die wegen eines Funktionsverlustes der Haarzellen im Innenohr gar nicht mehr oder kaum noch hören können.

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