Pressemeldungen Archiv 2014

19.09.14ukm/mdr

Mangelnde Patientenversorgung bei chronischem Juckreiz

4. Münsteraner Pruritussymposium über Diagnostik, Therapie und Patientenbedürfnisse / Frauen und Männer empfinden Juckreiz unterschiedlich / Weltweit erste klinische Prüfung zur Schwerstform „Prurigo nodularis“

Experten und Betroffene beim 4. Münsteraner Pruritussymposium: Prof. Dr. Matthias Augustin (l.) und Prof. Dr. Thomas Luger (r.) mit Prof. Dr. Sonja Ständer (2.v.r.) und Patientin Ute K., die seit ihrer Behandlung im Kompetenzzentrum des UKM - nach zuvor mehr als 15 Jahren chronischem Juckreiz - frei von Symptomen ist.

Für viele Betroffene ist es eine reine Tortur: chronischer, d.h. länger als sechs Wochen anhaltender Juckreiz. Und die Zahl der Betroffenen steigt. Laut aktuellen Studien sind – je nach Alter – 13 bis 26 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland vom sogenannten Pruritus betroffen, die jährliche Rate an Neubetroffenen liegt bei sieben Prozent. „Betrachtet man die Zahl von Betroffenen, sind wir in Deutschland mit fünf universitären Pruritusambulanzen und einem Kompetenzzentrum hier in Münster stark unterversorgt“, sagt Prof. Dr. Sonja Ständer, Leiterin des Kompetenzzentrums Chronischer Pruritus (KCP) der Klinik für Hautkrankheiten des UKM (Universitätsklinkum Münster), vor 180 Teilnehmern des 4. Münsteraner Pruritussymposiums. „Es fehlen flächendeckende ambulante und tagesklinische Versorgungszentren, um den Patienten gerecht zu werden.“

Zu den Erwartungen an die Therapie und das Erleben des Symptoms gibt es deutliche Unterschiede je nach Geschlecht, wie eine Analyse des KCP von über 1000 Patienten mit chronischem Pruritus, die im UKM behandelt wurden, zeigt. Beispielsweise erleben Frauen bei gleicher Dauer das Symptom als viel belastender und intensiver und erwarten von einer Therapie auch eine Verbesserung der Furcht, Nervosität und Angst. „Daran ist erkennbar, dass eine rein organbezogene und symptomatische Therapie bei vielen Patienten nicht ausreichend ist und psychosomatische Therapiekonzepte wichtig in der Betreuung sind“, so Ständer. Um die psychosomatischen Aspekte in der Ursache und Folge des chronischen Pruritus genauer zu diskutieren, tagte das Münsteraner Pruritussymposium diesmal gemeinsam mit der Jahrestagung des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie.

Auch Prof. Dr. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bestätigt mit Daten einer kürzlich durchgeführten (und noch nicht publizierten) Analyse von 1500 Patienten, dass es den Betroffenen längst nicht nur um die reine Linderung des Juckreizes geht. Er hat ein Instrument entwickelt, mit dem die individuellen Patientenbedürfnisse erhoben und gewichtet werden können. Die Reduktion des Pruritus wird direkt gefolgt vom Wunsch, eine klare Diagnose, effektive und vertrauensvolle Therapie zu finden und weniger auf Arztbesuche angewiesen zu sein. Auf Platz 5 folgt erst die Erwartung, von allen Hautveränderungen geheilt zu werden.

Internationales Netzwerk: Gründung der „Prurigo Nodularis Liga“

Neben der Forschung über Häufigkeit und Empfinden von Pruritus finden derzeit erste klinische Prüfungen statt, die Juckreiz-lindernde Effekte neuer Substanzen im Fokus haben. Nachdem durch Prof. Dr. Thomas Luger (Direktor der Klinik für Hautkrankheiten des UKM) bereits in den 90er Jahren neue Zielstrukturen für die Juckreiztherapie entdeckt wurden, wird am UKM aktuell eine Substanz, die diese Zielstruktur hemmt, in einer klinischen Studie untersucht. „Das ist ein Meilenstein, da es bislang nicht möglich war, Juckreiz gezielt und damit effektiv zu behandeln“,  so Luger. Sein Team der Hautklink um Pruritus-Expertin Prof. Dr. Sonja Ständer beschäftigt sich darüber hinaus in einer sogenannten Investigator-Initiierten-Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, mit der sehr ausgeprägten Form „Prurigo nodularis“, die durch stärkstes Juckempfinden, erheblichen Leidensdruck und intensives Kratzen gekennzeichnet ist. Rund 600 von dieser Form betroffene Patienten werden derzeit in Münster behandelt. „Die Prurigo nodularis wurde bislang nicht ausreichend in der Forschung gewürdigt und wir möchten dies mit unserer Studie und öffentlichen Initiative ändern“, erklärt Ständer, die im Rahmen des Symposiums gleichzeitig die Gründung der „Prurigo Nodularis Liga“ bekannt gab. Das erste internationale Netzwerk aus Experten, Betroffenen und Wissenschaftlern soll zukünftig die wissenschaftliche und klinische Forschung stärken sowie dringend benötigte Therapiestrategien, Studiendesigns und Erfassungsinstrumente erarbeiten.

In Münster wurden seit 2002 mehr als 4500 Patienten behandelt

Für viele Betroffene ist das Kompetenzzentrum des UKM, in dem Mediziner aus sechs verschiedenen Fachrichtungen (Dermatologie, Anästhesie, Innere Medizin, Neurologie, Psychosomatik und Radiologie) zusammenarbeiten, ein Lichtblick nach langer Krankheitsgeschichte geprägt von hohem Leidensdruck. „Unsere Klinik für Hautkrankheiten war bundesweit die erste Klinik, die bereits 2002 speziell für diese Patientengruppe eine eigene Abteilung eingerichtet hat“, sagt Prof. Dr. Norbert Roeder, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKM. „Seitdem haben Frau Professor Ständer und ihr Team mehr als 4500 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem angrenzenden Ausland behandelt.“

Zahlen, die gemessen daran, wie vielen Betroffenen geholfen werden konnte, positiv zu sehen sind. Andererseits unterstreichen sie, wie groß der Bedarf an einer adäquaten Versorgung von Juckreiz-Patienten ist: In Münster liegt die Wartezeit für einen Termin aktuell bei bis zu drei Monaten.

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