Pressemeldungen Archiv 2016

30.11.16ukm/aw

Nicht nur zum Welt-AIDS-Tag (01.12.2016): Offenheit bei HIV hilft, Neuansteckungen zu verhindern

Oberärztin Dr. med. Doris Reichelt arbeitet seit 26 Jahren in der Ambulanz für erworbene Immunschwäche am UKM (Universitätsklinikum Münster). Sie kennt alle Entwicklungen rund um die Infektionen mit dem HI-Virus und die Immunschwäche AIDS.

Morgen ist Welt-AIDS-Tag: Wird er in der Gesellschaft noch als wichtig wahrgenommen?
Ich habe schon den Eindruck, dass HIV immer nur kurz vorm Welt-AIDS-Tag ein Thema wird und dann relativ schnell wieder verschwindet. Oder wenn spektakuläre Meldungen durch die Presse gehen nach dem Motto: AIDS wird in Kürze heilbar sein. Ich glaube, dann wird die Gesellschaft noch mal ein bisschen wach, aber ansonsten spricht man über AIDS nach wie vor kaum. Und auf der anderen Seite: Wenn man dann von jemandem erfährt, dass er HIV-positiv ist, reagiert ein Teil der Gesellschaft immer noch so, dass er diese Menschen ignoriert oder - schlimmer noch - diskriminiert. Und das macht leider auch nicht immer vor dem medizinischen Bereich alt – auch dort erfahren diese Patienten ab und zu noch Ablehnung.

Ist Diskriminierung immer noch ein „Stadt-Land-Problem“: Also eine Frage davon, wo HIV-Patienten leben?
Es ist – je ländlicher die Gegend ist – sicher problematischer. Da ist es oftmals für Patienten, die homosexuell sind, schwer, akzeptiert zu werden – und wenn man dann noch HIV-positiv ist, wird es natürlich besonders schlimm. Die Stadt ist natürlich anonymer: Gehen sie nach Berlin, da ist das überhaupt kein Thema. In Münster dagegen kann das potentiell schon wieder ein Thema sein. Tendenziell ist es so: Je größer die Stadt, desto „einfacher“ ist es, dort mit HIV zu leben. Weil die Anbindung an Selbsthilfegruppen wie die AIDS-Hilfe besser ist und die Kontaktmöglichkeiten größer.

Die Zahl der Erstdiagnosen steigt Jahr für Jahr – woran liegt das?
Viele Patienten werden heute erst spät diagnostiziert. Über die Hälfte der Erstdiagnosen sind sogenannte „late presenter“, die erst diagnostiziert werden, wenn sie schwer krank sind, die vielleicht schon zehn Jahre HIV-positiv sind. Die entweder nicht damit gerechnet haben, weil sie sich keiner Risikogruppe zugehörig fühlten und damit von HIV nicht betroffen werden könnten. Und andere, die es vielleicht schon ahnten, sich aber aus Angst nicht haben testen lassen. Viele der „Neudiagnostizierten“ sind also in Wahrheit schon sehr lange betroffen.

Nun geistern immer wieder verschiedene „Heilungschancen“ durch die Medien…
Zum jetzigen Zeitpunkt können wir die allermeisten HIV-Patienten sehr gut behandeln, d.h. die Vermehrung der Viren durch die Therapie wird gestoppt. Aber bisher können wir die Viren nicht aus dem Körper heraus bekommen. Anfang des Jahres ist die sogenannte „Enzym-Schere“ durch die Presse gegangen. Dabei soll ein Enzym einen Teil des HIV-Genoms aus den Wirtszellen „herausschneiden“ und letztlich vernichten. Das beruht bisher auf Tierversuchen. Ob es beim Menschen wirksam ist, wissen wir noch nicht. Das zu testen, wird viel Zeit und Geld kosten. Ich habe in den 26 Jahren hier schon viele interessante Entwicklungen gesehen, die letztlich nicht funktioniert haben. Ich glaube letzten Endes schon, dass HIV einmal heilbar werden wird – der Weg dahin ist noch lang.

Eine HIV-Diagnose bedeutet heute nicht mehr das Todesurteil. Die landläufige Meinung ist, mit HIV alt werden zu können…
Die Lebenserwartung eines mit HIV infizierten Menschen ist in den allermeisten Fällen wie bei jedem anderen auch. Der Preis dafür ist natürlich, dass ich mein Leben lang Medikamente nehmen muss – und Medikamente haben nun einmal Nebenwirkungen. Wobei die Substanzen, die in den letzten Jahren zugelassen worden sind, deutlich weniger schwere Nebenwirkungen haben als noch vor zwölf oder 15 Jahren. Als ich vor 26 Jahren hier angefangen habe, hatte ich nur ein Medikament zur Verfügung mit sehr vielen Nebenwirkungen – das ist einfach besser geworden. Dadurch, dass wir mit der Therapie die Virusmenge im Körper zurückdrängen können, ist ein HIV-Infizierter heute deutlich weniger bis kaum noch ansteckend. Es gibt also sicher eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Nebenwirkungen sind zwar ein Thema -  aber beispielsweise gibt es bei einem Medikament gegen hohen Blutdruck auch mögliche Nebenwirkungen.

Ihr Appell zum Welt-AIDS-Tag wäre…?

Ich würde über die Grenzen Deutschlands hinausgucken wollen mit meinem Appell. Und würde mir wünschen, dass weltweit die Medikamente zur Verfügung stehen für alle Patienten, die HIV-positiv sind. Die Medikamente sind teuer und es sind nicht genügend Medikamente da – Ressourcenmangel ist das eine. Es fehlt in vielen Ländern schlicht das Geld, um zu therapieren. Je weniger aber therapiert wird, desto mehr werden sich anstecken. Außerdem führt immer noch die Tabuisierung von HIV in vielen Ländern zu einer hohen Zahl von Neuansteckungen. Einfach, weil nicht darüber gesprochen wird. Also: Ich würde mir wirklich wünschen, dass dieses Problem weltweit gelöst werden kann. Wir sollten allen mit HIV-Infektionen und AIDS lebenden Menschen mit Respekt begegnen und Diskriminierung bekämpfen, nur so können diese offen mit ihrer Erkrankung leben.

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