Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Systemische Neurowissenschaften: Schwerpunkt Psychoseerkrankungen

Mitarbeiter 
Arbeitsgruppe 2015/2016

Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den verschiedenen Aspekten psychotischer Symptome und Erkrankungen. Unser Ziel ist es zum einen, die Ursachen und Entstehungsmechanismen psychotischer Symptome besser zu verstehen. Zum anderen arbeiten wir beständig daran, psychotherapeutische Verfahren für Menschen mit Psychoseerfahrungen, insbesondere aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie, weiter zu entwickeln.

 

1. Wahrnehmung und Verhaltenssteuerung

Die Ursachen psychotischer Symptome sind in vielerlei Hinsicht ungeklärt, was u. a. in der Schwierigkeit begründet liegt, die neurobiologischen Korrelate psychotischer Symptome zu definieren. Diskutiert werden für die Entstehung psychotischer Symptome sowohl Veränderungen der Reizwahrnehmung/ -verarbeitung (bottom-up) als auch Defizite der kognitiven Kontrolle (top-down). Im Gegensatz zu kognitiven Störungen sind Veränderungen der Reizwahrnehmung bei psychotischen Erkrankungen nur wenig erforscht, vor allem liegen bisher kaum Erkenntnisse über die Interaktionen von bottom-up und top-down Prozessen und deren Beeinträchtigungen bei psychotischen Störungen vor. Ein Modell, das es erlaubt, sowohl Anteile der Reizverarbeitung wie der kognitiven Kontrolle innerhalb eines neurophysiologischen Systems zu untersuchen, stellt das neuronale Netzwerk für die Generierung und Steuerung von Augenfolgebewegungen (smooth pursuit) dar.

Langsame Augenfolgebewegung: Der Proband hat die Aufgabe, den sich bewegenden Punkt mit den Augen zu fixieren und zu verfolgen.

 

Neuronales Netzwerk für Augenbewegungen

Aus Studien mit Primaten und Patienten mit Gehirnläsionen kennt man die verschiedenen Funktionen der an dem neuronalen Netzwerk für die Steuerung von Augenbewegungen beteiligten Gehirnareale recht gut, so dass man mit Hilfe dieses translationalen Forschungsansatzes aus Veränderungen der Augenbewegungen Rückschlüsse auf Veränderungen innerhalb dieses Netzwerkes ziehen kann. 

Neuronales Netzwerk für die Reizverarbeitung sich bewegender visueller Stimuli und die Kontrolle von langsamen Augenfolgebewegungen. 

Für die Untersuchung von Augenbewegungen steht der Arbeitsgruppe ein videobasiertes Messsystem (EyeLink 1000, SR Research) zur Verfügung, das es erlaubt, eine Vielzahl spezifischer Teilfunktionen von Augenbewegungen zu untersuchen, z.B. die Fortführung einer Augenfolgebewegung ohne visuellen Stimulus auf der Basis von intern generierten Vorhersagemechanismen.

 

Weiterhin erlaubt es dieser Forschungsansatz, die Blickstrategien zu untersuchen, die Patienten mit einer psychotischen Erkrankung benutzen, um ihre Umwelt zu erfassen. Auf diese Weise kann man weitere Rückschlüsse auf Veränderungen der Wahrnehmung und Verhaltenssteuerung ziehen.

Aufmerksamkeitskarte für die Betrachtung einer Straßenszene, Aufhellungen entsprechen Bildarealen, die häufiger und länger fixiert wurden (Sprenger et al., Klinische Neurophysiologie 2011).

 

Funktionelle Bildgebung

Kombiniert man die Untersuchung von Augenbewegungen mit Studien der funktionellen Bildgebung (fMRT), kann die Aktivierung der neuronalen Netzwerke und deren Veränderungen direkt analysiert werden. Auf diese Weise findet man nicht nur Hinweise auf Störungen oder verminderte Aktivierungen innerhalb neuronaler Netzwerke, sondern man kann auch Kompensationsstrategien für eine beeinträchtigte Reizverarbeitung beobachten. Darüber hinaus können mit diesem Forschungsansatz Effekte von Medikamenten auf neuronale Netzwerke untersucht werden.

Vergleich der Aktivierung des neuronalen Netzwerkes für langsame Augenfolgebewegungen zwischen Patienten mit einer Psychose und gesunden Kontrollen, Signifikanzschwelle T=4.3, family wise error correction (Nagel et al., Neuroimage 2007).

 

Genetische Untersuchungen 

Im Rahmen von genetischen Studien können Augenbewegungen als quantitativ messbare Merkmale, i.S. von intermediären Phänotypen, eingesetzt werden, die Hinweise auf eine erhöhte Vulnerabilität/Prädiposition für psychotische Erkrankungen liefern können. 

Beispiel einer Familie, in der drei Mitglieder an einer Schizophrenie erkrankt sind. Diese drei Mitglieder sowie zwei weitere Familienmitglieder weisen eine Augenfolgebewegungsstörung auf und tragen die gleiche genetische Veränderung (pinke Markierung), die eine genetische Vulnerabilität für psychotische Symptome anzeigen könnte.

 

Kooperationspartner 

Auf dem Forschungsgebiet der Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen und der Verhaltenssteuerung kooperiert die Arbeitsgruppe mit: 

1. Prof. Rolf VerlegerProf. Christoph Helmchen, PD Dr. Peter Trillenberg und Dr. Andreas Sprenger, Klinik für Neurologie der Universität Lübeck

2. Prof. John A. Sweeney, PhD, University of Texas Southwestern (USA) ,  Forschungspreisträger der Alexander von Humboldt Stiftung und Gastprofessor an der WWU

3. Dr. Anne Giersch, Institute National de la Science et de la Recherche Medicale Strasbourg (F)

Wichtige Publikationen 

2. Kognitive Verhaltenstherapie für Menschen mit Psychoseerfahrungen

Die kognitive Verhaltenstherapie stellt die Ziele der Patienten in den Mittelpunkt der Behandlung und möchte die Patienten darin unterstützen, diese Ziele zu erreichen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes untersuchen wir die Faktoren, die die therapeutische Beziehung und die Therapieadhärenz beeinflussen. In diesem Zusammenhang beschäftigt uns die Frage, in wieweit sich Patienten durch ihre Erkrankung stigmatisiert fühlen bzw. wie sehr sie davon überzeugt sind, dass in der Öffentlichkeit verbreitete Stigmata auf sie zutreffen. 

Kooperationspartner

Auf diesem Gebiet arbeiten wir zusammen mit:
Prof. Peter Weiden, MD, und Margret Harris, PhD, Center for Cognitive Medicine, University of Illinois at Chicago (USA)

Publikationen

Lencer R, Harris MSH, Weiden P, Stieglitz RD, Vauth R (2011). When psychopharmacology is not enough: using cognitive behavioral therapy techniques for persons with persistent psychosis. Hogrefe Publishing, Göttingen, Cambridge (MA).

Informationen zum therapeutischen Angebot für Menschen mit Psychoseerfahrungen 

 
 
 
 
 
 
   
 

Kontakt

Prof. Dr. med. Rebekka Lencer
Stellvertretende Klinikdirektorin
Sektionsleitung Psychose-erkrankungen
psychiatrische-ambulanz(at)­uni-muenster(dot)­de

Albert-Schweitzer-Campus 1
Gebäude A9
(ehem. Albert-Schweitzer-Str. 11)
48149 Münster

Tel. +49 251 8352581
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