11.05.17ukm/aw

Endometriose: Das unterschätzte „Frauenleiden“

In jedem Jahr in Deutschland 40.000 neue Fälle / Oft vergehen Jahre bis zur Diagnose / Weltkongress unter UKM-Beteiligung

(v.l.) Dr. Sebastian Schäfer und Prof. Dr. Ludwig Kiesel beraten Christel Fröse. Mitte Mai nehmen sie für das UKM am Welt-Endometriose-Kongress in Vancouver teil. (Foto: UKM/Marschalkowski)

„Ich freue mich auf mein Älterwerden“ – ein Satz, der von Frauen wahrscheinlich nicht sehr oft zu hören ist. Aber Christel Fröse meint was sie sagt: Seit sie zwölf war, ist ihr Leben von ihrer Krankheit geprägt. Sie leidet unter Endometriose, also unter gutartigen Wucherungen von Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter. Die 47-Jährige hat eine langjährige Leidensgeschichte hinter sich. Als Teenager wurde sie wegen ihrer unerklärlich starken Unterleibsbeschwerden regelmäßig ohnmächtig. „Ich habe viele Tränen gelassen, bis ich irgendwann die Diagnose bekam und damit wusste, woher meine Schmerzen kommen“, so Fröse.

Acht bis zwölf Jahre dauert es im Schnitt, bis Ärzte die oft diffusen Beschwerdebilder ihrer Patienten richtig zu deuten wissen. Denn die Wucherungen des Gebärmuttergewebes führen zu Verklebungen und Verwachsungen an vielen Organen und sogar Nerven. Hauptsächlich sind der Bauch- und Beckenraum betroffen – grundsätzlich kann das Endometrium aber überall im Körper wachsen.  Bei Christel Fröse führten die Endometriose-Herde zu unerträglichen Unterleibsschmerzen -  für die sie lange belächelt wurde. Sie wurde sogar in die „psychosomatische Ecke“ gestellt, sagt sie. „Das ist ein ganz typischer Verlauf dieser unterschätzten Krankheit“, sagt Dr. Sebastian Schäfer als behandelnder Gynäkologe der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe unter Leitung von Prof. Ludwig Kiesel. „Die Frauen schleppen jahrelang ihre Schmerzen als vermeintliches Frauenleiden mit sich. Unbehandelt können diese aber chronifizieren. In solchen Fällen verändert sich im Gehirn sogar die Verschaltung der Nerven. So brennt sich der Schmerz ins Gedächtnis ein und dass, obwohl die Ursache – die Endometriose – häufig schon operativ entfernt wurde“, mahnt Kiesel, der mit seinem Team niedergelassene Gynäkologen weiterbildet, damit diese in ihrer Praxis Endometriose schneller als Diagnose in Erwägung ziehen.

„Endometriose metastasiert wie Krebs“, weiß Prof. Ludwig Kiesel, der vom 17. bis 20. Mai auch als Vorstandmitglied der Welt-Endometriose-Gesellschaft (WES) am Weltkongress in Vancouver (Kanada) teilnimmt. „Zwar ist er gutartig und oft auch hormonell zu behandeln. Trotzdem bleibt in vielen Fällen letztlich nur die Operation, insbesondere wenn die Endometriose einen Kinderwunsch verhindert. Denn die Hälfte aller betroffenen Frauen haben Schwierigkeiten, Nachwuchs zu bekommen.

Bei Christel Fröse sind trotz erfolgreicher Operationen die Schmerzen in den vielen Jahre, in denen die Krankheit unbehandelt war, chronisch geworden. Ihren körperlich sehr fordernden Beruf als Physiotherapeutin kann sie nur noch schwer ausüben. Sie überlegt, künftig als Entspannungstrainerin zu arbeiten, gerade auch mit Endometriose-Patientinnen. Derzeit macht sie ein Praktikum in der Klinik von Prof. Kiesel, um möglichst viel über den Umgang mit der Krankheit zu erfahren. „Frau Fröse hat zum Glück die Fähigkeit, die chronischen Schmerzen positiv für sich umzunutzen“, freut sich Schäfer. Er hat seine Patientin gerade wegen ihrer lebensfrohen Einstellung gebeten, demnächst vor anderen Ärzten von ihren Krankheitserfahrungen zu berichten.

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