31.07.17ukm/aw

Stabwechsel an der Spitze der Krebsmedizin in Münster: Prof. Wolfgang Berdel übergibt an Prof. Georg Lenz

20 Jahre leitete Prof. Wolfgang Berdel die Medizinische Klinik A am UKM (Universitätsklinikum Münster). Nun übergibt er zu August sein Amt an seinen Nachfolger, den 43-jährigen Prof. Georg Lenz. Das Interview mit den beiden Medizinern führte Anja Wengenroth.

Foto (UKM/Fotozentrale/Deiters):

Herr Prof. Berdel, in 20 Jahren an der Spitze einer der größten Kliniken des UKM - was war das bedeutendste Erlebnis aus medizinischer Sicht?
Das negativste Erlebnis war bestimmt der Behandlungsmisserfolg einer in der Welt sehr bekannten Persönlichkeit: Raissa Gorbatschowa.

Hatten Sie damals mit diesem Ausgang gerechnet?
Ja, weil sie mit einer Form der akuten Leukämie und in einem Alter zu uns kam, in dem sie eigentlich kaum mehr zu behandeln war. Trotzdem macht man sich natürlich immer Hoffnungen. Das hat mich mein ganzes Leben an dieser Klinik begleitet. Aber auch rückblickend, glaube ich, hätten wir in der Behandlung nichts anders machen können.

Das ist das eigentliche Thema: Aus medizinischer Sicht sind manche Diagnosen unabänderlich und es gibt keine Heilung. Wie geht man damit um?
Raissa Gorbatschowa ist ja nur ein Beispiel für die vielen Patienten mit ausgedehnten bösartigen Erkrankungen, denen wir noch nicht so helfen können, wie wir es uns wünschen. Man muss sich in diesem Beruf daran gewöhnen, dass man medizinische Misserfolge und menschliche Katastrophen irgendwie verarbeitet und trotzdem weiter macht. Was mir persönlich dabei sehr geholfen hat, war, dass ich eben nicht nur klinische Arbeit, sondern auch Forschung machen konnte. Denn in der Forschung liegt ja dieses enorme Prinzip Hoffnung, dass man irgendetwas entwickelt oder Mitarbeiter und Kollegen das tun. Ich glaube, ich hätte das Fach Onkologie ohne Forschung nicht so gut ertragen.

Die Forschung hat sich in zwanzig Jahren sicher enorm weiterentwickelt…?
Ja, hat sie. Aber es gab keinen endgültigen Durchbruch bei der Behandlung der häufigen Krebserkrankungen. Es sind die Details, die kleinen Schritte, die das Bild verändern. Wir können heute ganze Patientengruppen deutlich besser behandeln als vor zwanzig Jahren oder gar vor vierzig Jahren, als ich angefangen habe. Aber, wir haben noch sehr viel zu tun. Krebs ist - in fortgeschrittenem Stadium - häufig noch nicht heilbar und das muss sich ändern.

Gibt es auch besondere positive Erlebnisse, an die Sie sich gern erinnern?
Ja sicher, in allen drei Kerngebieten meiner Arbeit:
In der Lehre war das Positivste, dass ich das Curriculum eines inter-disziplinären Kurses, des sogenannten poL-iT (Problemorientiertes Lernen-interdisziplinäre Tumormedizin) entwickelt habe. Das ist eine neue Lehrform gewesen, die ich hier als Modellkurs eingeführt habe. Das führt die Studierenden in Kleingruppenunterricht, Vorlesungen und in bedside-teaching in einer Weise an die Onkologie heran, die interdisziplinär ist und sehr ähnlich ist zur Arbeit, die sie später auf den Stationen machen. Es ist ein Praxistraining, das sehr gut ankommt.

In der Krankenversorgung haben wir viel aufgebaut: Zum Beispiel, haben wir gemeinsam mit den Kinderärzten das Knochenmarkstransplantations (KMT)-Programm hochgezogen. Von null zu dem Zweit- oder Drittgrößten im deutschsprachigen Raum. Das KMT-Zentrum wird demnächst 38 Betten haben. Dort gibt es im Jahr über 160 Knochenmarktransplantationen und es werden immer mehr. Weiter haben wir eine europäische Studiengruppe, die "study alliance leukemia" gegründet, in der wir einige wichtige klinische Studien durchführen konnten. Bis zum heutigen Tag muss ich sagen, mein Hauptschwerpunkt liegt darin, jeden Tag Patienten zu sehen. Ich bin weniger Berufs-Politiker, sondern Arzt – und das macht mir sehr viel Spaß!

In der Forschung haben mich die Gebiete der molekularen Entstehung von Tumoren und bestimmten Leukämien und die Entwicklung neuer Medikamente insbesondere gegen Tumorblutgefäße am meisten fasziniert. Forschungsgebiete, deren Ergebnisse man bei Erfolg in kurzer Zeit in die Klinik überführen kann.

Was passiert, wenn das nun wegfällt? Was machen Sie künftig?
Ich forsche. Ich habe gerade heute vom Rektorat gehört, dass ich jetzt Senior Professor bin – ich bin also befördert worden (lacht). Ich gehe ins Labor und forsche an meinen drittmittelgeförderten Projekten.

Herr Prof. Lenz, was ist Ihnen wichtiger? Forschung oder Krankenversorgung?
Das kann man in der Hämatologie und Onkologie nicht voneinander trennen. Auf Grund der Vereinbarkeit von intensiver Patientenversorgung und grundlagenorientierter Wissenschaft bin ich Hämatologe bzw. Onkologe geworden. In unserem Bereich können wir vielfach und zum Teil auch sehr schnell wissenschaftliche Erkenntnisse in die Klinik übertragen. Dies macht die Faszination unseres Faches aus.

Was ist ihr erstes Ziel? Und wo soll die Reise danach hingehen?
Das große Ziel ist es, Wissenschaft und Klinik auf höchstem Niveau zu kombinieren. Dies ist allerdings nicht einfach, da wir dazu häufig nicht mehr die finanziellen Mittel haben. Weiterhin müssen wir es auch schaffen, unseren Nachwuchs zu diesem „Spagat“ von Klinik und Wissenschaft zu begeistern. Insofern ist es mein Kardinalziel, junge Ärztinnen und Ärzte dahingehend zu motivieren, den Weg zu gehen, den wir beide gegangen sind. Dass wir motivieren und zeigen: Das ist der Weg, den wir gehen müssen, um Fortschritte zu erzielen. Ich vertrete die Auffassung, dass sich die Universitätsmedizin dadurch auszeichnet, dass sie Forschung und Klinik auf höchstem Niveau kombiniert. Es ist wichtig zu verstehen, dass man wahrscheinlich zehn Jahre braucht, um ein guter Hämatologe/Onkologe zu werden, aber man braucht mindestens genauso lange, um ein guter Wissenschaftler zu werden.

Was macht für Sie translationale Onkologie aus?
Eine Forschung zu betreiben, die unmittelbare Patientenrelevanz haben kann.

Nur „kann“?
Wenn man Forschung mit einer translationalen Ausrichtung betreibt, ist es möglich, Ergebnisse zu erzielen, die für die Patientenversorgung relevant sind. Dies klappt aber am Ende nur in einem Bruchteil der Projekte. Da muss man realistisch sein, dass das ein „kann“ und nicht ein „muss“ ist. Des Weiteren hat Forschung auch häufig nicht unmittelbar sondern erst in Zukunft Auswirkungen auf die Patientenversorgung.

Haben Sie eine höhere Frustrationstoleranz als andere Mediziner?
Ich glaube, dass man lernen muss damit umzugehen, dass man in unserem Fach nur einem Teil der Patienten so helfen kann, wie man es gerne würde. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir fast allen unseren Patienten helfen können, und, dass diese von unseren Behandlungen profitieren. Es ist allerdings manchmal nur eine Lebensverlängerung und keine Heilung. Dies muss man lernen.

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